Unruhige Zeiten an den Märkten – wie reagiert einer der erfahrensten Trader der Welt? Dr. Alexander Elder erklärt, warum er Short-Positionen liebt, GameStop vermisst und das Traden nie aufgeben wird.
Vergangenen Donnerstag: An den US-Börsen deutet sich nach deutlichen Verlusten eine Stabilisierung an. In den USA sitzt Dr. Alexander Elder vor seinen Bildschirmen. Elders internationaler Bestseller „Alles, was Sie über Trading wissen müssen“ ist das wohl umfassendste Buch zum Handel mithilfe der technischen Analyse. Ob Anfänger, Fortgeschrittener oder Profi-Trader: Hier kann jeder noch etwas mitnehmen. Doch Elder schreibt und lehrt nicht nur, er handelt auch nach mehreren Jahrzehnten im Geschäft weiterhin selbst. Rente? Nicht so seins. Ein spontanes Interview? Gern. Aber bitte erst, wenn die Wall Street schließt. In 30 Minuten Handelszeit kann schließlich viel passieren. Kurz nach Börsenschluss klingelt es.
Dr. Alexander Elder: Langweilig. Absolut langweilig. Ich habe gesucht und gesucht, aber keinen einzigen großen Trade gefunden. Nur ein kleiner Testlauf mit einem neuen System, der gut funktioniert hat. Aber es gab nichts, um richtig Geld zu verdienen.
Nein. Das gehört zum ernsthaften Trading dazu. Man kann es mit einer Frau vergleichen: Man will sie verführen – aber sie ist nicht in Stimmung. Dann drängt man nicht. Man wartet, bis sie bereit ist. Der Markt ist genauso. Gestern war ein guter Tag. Heute? Nichts.
Ich bin kurzfristig unterwegs. Normalerweise halte ich Positionen nur ein paar Tage, maximal zwei Wochen.
Richtig. Der Markt fällt nicht weiter, aber startet auch keine echte Rally. Ich trade in beide Richtungen, auch wenn ich eine Vorliebe für Shorts habe.
Shorts sind schneller. Aktien fallen doppelt so schnell, wie sie steigen. Weniger Zeit im Markt, weniger Risiko. Und: Weniger Konkurrenz. Die meisten shorten nicht.
Ja, unser wundervoller Präsident macht den amerikanischen Markt wieder erschwinglich.
Gestern bei Tesla. Der Kurs fiel – dann stieg er wieder. Also habe ich meine Position eingedeckt. Ich habe ein paar Hundert Dollar verdient statt ein paar Tausend. Aber die Hauptsache ist: schnell auszusteigen, wenn der Trade gegen einen läuft. Sehen Sie den Zettel auf meinem Bildschirm? Darauf steht: „Lerne, kleine Verluste zu lieben.“
Ja, ich mache immer noch Fehler. Früher waren sie groß, dann mittelgroß – jetzt sind sie klein.
Ablenkung. Ein Beispiel: Ich war gerade zwei Wochen in Österreich zum Skifahren. In der zweiten Woche waren Freunde da – alles Trader. Ich hatte mir vorgenommen, nicht zu handeln. Aber dann haben zwei Trades geflüstert: „Nimm mich, nimm mich!“ Ich bin eingestiegen. Sie liefen nicht richtig an. Ich habe die Trades vor dem Abendessen etwas im Verlust geschlossen. Später wären beide absolut perfekt gelaufen. Meine Freunde haben gelacht. Sie kennen das. Ich habe mir geschworen: Nie wieder traden im Urlaub mit Freunden.
Nein. Nur falls ich nachts gegen 4:30 Uhr aufwache, checke ich eventuell offene Positionen im vorbörslichen Handel. Aber ich trade nicht am Handy.
Alle Nachrichten sind im Kurs enthalten. Aber es gibt Ausnahmen: Quartalszahlen, Dividenden, Short Interest sind relevante Nachrichten. Ich habe heute zum Beispiel bei Micron einen sehr attraktiven Trade gesehen. Dann habe ich festgestellt, dass Micron nach Börsenschluss seinen Quartalsbericht veröffentlicht. Wer so etwas ignoriert, spielt mit dem Feuer.
Genau. Und beim Short Interest gilt: Normalerweise liegen die Quoten für leerverkaufte Aktien bei ein bis zwei Prozent des gesamten Free Floats. Wenn hingegen alle eine Aktie leerverkaufen und die Quoten im zweistelligen Bereich liegen, kann schon eine halbwegs gute Nachricht zu einem Schneeballeffekt führen – und plötzlich schießt der Kurs nach oben. So eine Aktie sollte man nicht shorten.
GameStop war lange Zeit mein Brot-und-Butter-Trade. Das war eine großartige Aktie zum Shorten.
Klar. Ich beobachte, wie euphorisch gekauft wird, und steige ein, wenn die Käufe versiegen. Dann entsteht eine Art Luftloch und der Kurs fällt plötzlich rasant. Das ist mein Moment – ein wundervolles Spiel.
Unbedingt. Ich liebe hyperaktive Aktien – da steckt das schnelle Geld. Aber das ist nichts für Anfänger. Es ist ein sehr, sehr gefährliches Spiel.
Dann habe ich einen Treffer kassiert und erleide einen größeren Verlust als geplant. Das kommt vor. Aber unter dem Strich lohnt sich das Spiel. Ich vermisse GameStop. Zuletzt habe ich die Aktie vor ein paar Monaten getradet. Danach gab es dort keine richtige Action mehr.
Ich habe eine Liste, die ich meinen „Harem“ nenne, ein Begriff, den ich in Berlin von einem befreundeten Trader übernommen habe. Das sind Aktien, die ich oft erfolgreich gehandelt habe. GameStop gehört dazu. Ich hoffe, sie erwacht noch mal zum Leben.
Bitcoin ist kein Trade, sondern ein Vermögenswert. Bitcoin ist das härteste Geld, das es gibt. Selbst Gold hat einen eingebauten Inflationsfaktor, weil es ständig weiter ausgegraben wird. Von Bitcoin hingegen kann es nur 21 Millionen Coins geben – und wir liegen jetzt schon knapp unter 20 Millionen.
Früher war ich skeptisch. Heute bin ich überzeugt: Bitcoin wird langfristig steigen. Aber ich fürchte, Michael Saylor könnte sein Unternehmen verlieren, weil er Geld leiht, um Bitcoin zu kaufen. MSTR war übrigens ein weiterer toller Short.
Nein, ich habe genug Bewegung am Aktienmarkt.
Natürlich. Die Märkte sind heute schneller, volatiler. Man muss sich anpassen. Das ist das Schöne: Ich lerne immer noch dazu.
Mein erfolgreichster Schüler ist sogar besser als ich.
Er ist total fokussiert. Seitdem er ein junger Mann war, liest er nur Börsenbücher. Er hat lange Zeit auf einer einsamen Insel gelebt und fuhr nur einmal in der Woche mit einem Boot zu einer größeren Insel, um Lebensmittel zu kaufen. Ich hätte nicht so leben können, aber er hat es genossen. Inzwischen ist er sehr glücklich verheiratet und für die Ausbildung seiner Kinder näher an eine größere Stadt gezogen. Ein echter Gentleman.
Wovon sollte ich mich zurückziehen? Vom Trading, das superinteressant ist? Vom Reisen? Vom Unterrichten? Nächsten Monat fliege ich nach Chile zu einer Konferenz. Das macht Spaß. Ich treffe dort auch einen Freund. Also wird es doppelt Spaß machen. Klar, auf der Terrasse sitzen und einen Cocktail trinken ist nett – für ein, zwei Stunden. Aber was dann? Ich will nicht arrogant klingen, aber Warren Buffett braucht auch keine weitere Million. Ich tue es für mich. Das ist ein Lifestyle. Mein Trading wird jedes Jahr besser. Also warum sollte ich in Rente gehen?
Dieser Artikel ist in DER AKTIONÄR Nr. 14/2025 erschienen, welches Sie hier als PDF gesamt herunterladen können.